Neue Musikzeitung
Ausgabe Dezember 2021

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Vom Wahlrecht bis zum Lippenstift…

Werke von Komponistinnen, die um die Anerkennung als gleichwertige Musikerinnen kämpfen mussten

Osnabrück. Im Rahmen der „Universitätsmusik“ fand Anfang Oktober 2021 im Osnabrücker Schloss aus Anlass des 100-jährigen Bestehens von „Soroptimist International“ ein Benefizkonzert mit einem Programm statt, welches bemerkenswert war und aufhorchen ließ: „Vom Wahlrecht bis zum Lippenstift“. Vorgestellt wurden Komponistinnen von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute, die in ihrer Zeit für sich um die Anerkennung als den Männern gleichwertige Musikerinnen kämpfen mussten, zudem auch allgemein für die Rechte der Frauen in einer „männerdominierten“ Welt stritten,- und das bis zu Streik und Inhaftierung. Ausführende waren Sigrid Heidemann (Gesang), Julia Habiger-Prause (Klavier), beide Mitglieder in Deutschen Tonkünstlerverband, und Claudia Kayser-Kadereit (Moderation).

Die ausführende Künstlerinnen waren Julia Habiger-Prause (Klavier), Claudia Kayser-Kadereit (Moderation) und Sigrid Heidemann (Gesang). (Foto: Waltraud Baumann)

Nach der Begrüßung eröffnete Julia Habiger-Prause den musikalischen Reigen mit dem einzigen solistischen Klavierwerk dieses Morgens, dem „Valse d‘ automne“ von Cécile Chaminade, in dem die Pianistin das alles an Virtuosität darbieten konnte, was in einem gehobenen Salonwalzer des ausgehenden 19. Jahrhunderts steckte.  Es schloss sich als erstes Lied der „March of the women“ von Ethel Smythe an, die damit als ausgebildete Komponistin vor dem 1. Weltkrieg bereits die  Hymne der Frauenbewegung für allgemeines und gleiches Wahlrecht schuf. Selbst Johannes Brahms schätzte die Güte ihrer Kompositionen, bis er erfuhr, dass sie von einer Frau stammten; danach verlor er das Interesse! Sigrid Heidemann trug diesen Marsch auch betont kräftig und kämpferisch vor.

Nachdem Claudia Kayser-Kadereit in ihrer Moderation auf die biografischen Daten und die zeitgenössischen Besonderheiten der Komponistinnen und Textdichterinnen eingegangen war (das geschah anlaßbezogen ernsthaft oder über beigebrachte Requisiten unterhaltsam) erklangen mehrere Lieder von Luise Greger. Darunter das „Vogellied“ op.53, in dem zur Überraschung des Publikums plötzlich jodlerähnliche Koloraturen ertönten, die in ihrer gestalteten Präzision alle elektrisierten. Die Moderatorin wies parallel dazu aber auch auf das Schicksal der Komponistin hin, die an „seniler Seelenstörung“ im Alter litt und von den Nazis durch „stille Euthanasie“ zu Tode kam.

Von Clara Faisst, einer Zeitgenossin und Freundin Albert Schweitzers, erklang das Lied „Mein Wald“ op.2, dessen Verse von Carmen Sylva stammten, die als damalige Königin von Rumänien unter diesem Pseudonym Gedichte schrieb. Als Einleitung zum Lied „Einem Vorangegangenen“ von Margarete Schweikert musste Julia Habiger-Prause dem Steinway-Flügel heftige Dissonanzen entlocken, denn der Vers der Anfangszeile lautet: „Mit hartem Dröhnen ist das schwere Tor der Erde hinter Dir ins Schloss gefallen…“

Als vorletzter Programmpunkt erklangen zwei sehr gefühlvolle Lieder von Ruth Schonthal nach Texten von Emily Dickinson. Die Komponistin musste 1935 emigrieren und verbrachte den Rest ihres Lebens bis 2006 in den USA, kam aber in den 80er Jahren besuchsweise nach Deutschland zu Konzerten und Ehrungen.

Vier Werke der „Allround“-Künstlerin (Gesang, Schauspiel, Vokaltheater, Komposition, Arrangement und ähnliches) Sylva Bouchard-Beier, wohnhaft in Ingelheim, erklangen zuletzt und schlugen durch die Textwahl (Karoline von Günderode, Mascha Kaléko, Jutta Richter) den Bogen zur Gegenwart. Vor allem das letzte Lied mit dem Titel: „Man malt sich doch nicht gern umsonst die Lippen rot…“ hatte einen kabarettistischen Einschlag, thematisierte aber auch wieder den Wunsch der Frauen über Jahrzehnte nach Gleichberechtigung, denn es heißt darin weiter: „…man möchte doch nicht nebenbei behandelt werden…“ 

Dieses wohlgelungene Konzert, in dem die drei Künstlerinnen Ausgezeichnetes in stimmlicher, pianistischer und sprachschöpferischer Hinsicht darboten, animierte die Zuhörerschaft zu „standing ovations“. Es endete aus genanntem Anlass mit der „Soroptimist Symphony“ von Dorothy Vale Kissinger als Zugabe und sollte wiederholt werden.

◾ Hans-Ulrich Baumann




Konzert „Flaw and Order - auf der Spur von Chaos und Ordnung“

Die Jazzkomponistin Wiebke Schröder und ihr Quartett

Lüneburg. Der Deutsche Tonkünstlerverband e.V. (DTKV) läuft immer Gefahr, nur als Verband von Musikpädagogen gesehen zu werden. Dabei gibt es auch sie: die KomponistenInnen und die ausübenden MusikerInnen.

Jedes Jahr veranstaltet der DTKV Niedersachsen ein Konzert mit Werken seiner KomponistInnen. Einige von ihnen konnte man in zwei Konzerten im Rahmen des „47. Festival Neue Musik“ Lüneburg, dessen Leiter unser Mitglied Prof. Helmut W. Erdmann ist, erleben. Den Anfang machten aus Osnabrück DTKV-Mitglied Wiebke Schröder Klavier, die neben Jazz-Klavier auch Jazz-Komposition studiert hat und in verschiedenen Ensembles unermüdlich tätig ist, Minh Voon, der an der Universität Osnabrück im Bereich Musiktechnologie lehrt, Mattis Balks, Saxophon und Sebastian Metken ebenfalls aus Osnabrück mit dem Konzert „Flaw and Order –auf der Spur von Chaos und Ordnung“.

So war jedenfalls der Plan. Aber durch die Krankheit des Schlagzeugers waren sie vom Quartett auf ein Trio geschrumpft. In dieser Herausforderung hat das Quartett seine Kreativität bewiesen und in wahrhaft bewunderswerter Weise das Programm so umgestellt, dass es im Trio zu bewältigen war! Den Zuhörern, die zum Teil angereist waren, wurde so eine Enttäuschung erspart und wer im Saal sass und nicht wusste, dass der Schlagzeuger fehlte, vermisste nichts. Chapeau!

Modern Jazz, im Zusammenhang mit dem Festival eher selten gehört, damit ist der Stil am besten beschrieben. Aber nicht nur das ist zu hören. Unüberhörbar sind klassische Wurzeln, traditioneller Jazz, Rock und Pop, alles was ein interessante Mischung ergibt, das ungefähr ist der Stil des Quartetts/Trios. Wie der Name schon sagt, geht man von einer Ordnung aus, aber zerlegt sie dann, um aus den Trümmern eine neues Ganzes zu kreieren. Das sieht so aus, dass Ideen, die in eine Probe mitgebracht werden ausgearbeitet werden oder aber es wird darüber improvisiert. Manchmal werden auch Standards aufgegriffen und verarbeitet. Dabei entsteht eine außerodentlich vielfältige, immer interessante und schöne Musik: zarte Töne, gewaltige Steigerungen, transparente Kammermusik, Solo-Stellen für jeweils eins der Instrumente oder alle zusammen oder auch der sehr berührende Moment, wenn zwei der drei Instrumente in ein inniges Gespräch vertieft sind. Das Bild wäre unvollständig, würde man nicht die ganz großartige Beherrschung der Instrumente erwähnen, welche die drei Musiker/die Musikerin an den Tag legten! Es stimmte einfach alles, es war ein wunderbares Konzert mit nachhaltiger Wirkung, auch für Menschen, die sonst normal in der Klassik zuhause sind, schöne neue Musik eben.

Zum positiven Geamteindruck gehört auch, dass diese großartige Konzert in einem großartigen Raum statt fand: das Glockenhaus in Lüneburg stammt aus dem Jahr 1482, diente früher als Waffen- und Glockenwerkstatt und ist heute ein Ort für Veranstaltungen. Die alten Steine und Balken haben eine besondere Ausstrahlung: es trafen sich im Konzert auf harmonische Art und Weise Moderne und Tradition, so das sich die Zuhörer rundum beglückt fühlen konnten! Ein paar mehr Zuhörer hätte man dem Trio gewünscht. Und es ist zu wünschen, dass Wiebke Schröder und ihr Quartett im nächsten Jahr wieder kommen und dann diesmal mit Schlagzeug und als komplettes Quartett.

◾ Friederike Leithner







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